Nathorse Gesundheitsblog
Hallo an alle Pferdeverrückten.
Mir persönlich liegt die Pferdegesundheit sehr am Herzen.
Ich habe regelmäßig Pferde unterm Sattel u/o. an der Hand, wo die Besitzer mir eigentlich zu 99% das Selbe erzählen, somit spreche ich hier auch aus Erfahrung.
Nun aber zu meinem eigentlich Blog.
Ich musste für meine Ausbildung zum PRC einen kompletten Bericht bzgl. Diagnostik bei Verdacht auf Rückenerkrankungen beim Pferd erstellen und div. Möglichkeiten berücksichtigen was Rückenerkrankungen bei Pferden betrifft.
Das würde ich gerne hier heute einmal reinstellen, damit auch ein "Laie" mal sieht was für Aufwand betrieben werden muss umd eine Diagnostik erstellen zu können. Das alles muss natürlich in Zusammenarbeit mit einer Tierklinik geschehen. Irgendwo muss man sich ja Hilfe holen
. Nun aber viel Spaß beim Lesen.
Diagnostik bei Verdacht auf Rückenerkrankungen beim Pferd
Anamnese
Den typischen Vorbericht, mit dessen Hilfe man sicher auf eine primäre Rückenerkrankung schließen kann, gibt es nicht. Nur weil sich das Pferd vorberichtlich „im Rücken fest macht" oder „den Schweif schief hält", kann nicht auf eine primäre Rückenerkrankung geschlossen werden.
Bei den meisten anamnestischen Äußerungen könnte es sich deshalb ebensogut um Leistungsschwäche oder um ein Rittigkeitsproblem handeln, wie „schwingt nicht mehr", „springt nicht mehr" oder „ist nicht mehr so leistungsfähig".
Hilfreich sind Angaben über den Verwendungszweck, den Ausbildungsstand sowie Informationen über Verhaltensänderungen, Vorbehandlungen und über das Temperament des Pferdes. Gerade temperamentvolle Pferde können zu Beginn einer Palpation ausgesprochen „dünnhäutig" und sensibel schon auf geringste Berührungen reagieren. Die Reaktionen reichen von übermäßigem Ausweichen bis Ausschlagen. Dies kann den unerfahrenen Untersucher in seiner Beurteilung beeinflussen und dann zur Fehldiagnose führen.
Adspektion
Während der Adspektion sollte das Pferd alle 4 Gliedmaßen gleichmäßig belasten. Die Rückenbemuskelung und die Beckensymmetrie werden beurteilt und Asymmetrien, Druckstellen und/oder Verletzungen registriert.
Die Beurteilung der Bemuskelung kann in unterschiedliche Grade vorgenommen werden: Als schwach bemuskelt beurteilt werden Pferde, bei denen die Dornfortsätze proximal, teilweise sogar bis zum mittleren Bereich deutlich sicht- und palpierbar sind. Mäßig bemuskelt kategorisiert werden Tiere, deren Dornfortsatzenden deutlich sichtbar und deren Dornfortsatzkappen gut palpiert werden können. Als gut bemuskelt werden Tiere beurteilt, bei denen die Dornfortsatzenden nicht sichtbar und die Dornfortsatzkappen schlecht bzw. überhaupt nicht palpierbar sind.
Bei chronisch rückenkranken Pferden besteht oft eine mäßige Bemuskelung. Dies gibt einen ersten Hinweis, der jedoch nicht beweisend ist. Ebensowenig darf bei einem gut bemuskelten Rücken eine Rückenerkrankung ausgeschlossen werden.
Lahmheitsuntersuchung
Die wichtigste Differentialdiagnose, die es auszuschließen gilt, ist das Vorliegen einer Hinterhandlahmheit. Hinterhandlahmheiten führen einerseits zu Veränderungen des Bewegungsmusters, die sich in Taktunregelmäßigkeiten äußern. Andererseits kommt es bei längerem Bestehen zur schmerzhaften Verspannung der Rückenmuskulatur, die dann das Vorliegen einer Rückenerkrankung vortäuschen kann (CROWHURST 1975; KOCH 1980; JEFFCOTT 1985, 1998). Weil die Hinterhand über das Becken indirekt mit der Wirbelsäule verbunden ist, beeinflussen die Hinterhandaktionen im Vergleich zur Vorderhand viel stärker die Bewegungen der Wirbelsäule. Es ist deshalb leicht verständlich, dass über einen gewissen Zeitraum bestehende unerkannte Hinterhandlahmheiten zu sekundären, schmerzhaften Verspannungen der Rückenmuskulatur führen können. Deshalb sollte vorberichtlich unbedingt eruiert werden, ob vom Reiter Taktunreinheiten unter dem Sattel bemerkt werden.
Die ungleichmäßige Fußung der Hinterhand führt also dazu, dass das Pferd nicht mehr so regelmäßig im Rücken schwingt. Hält die Lahmheit an und wird als solche nicht erkannt, kommt es im weiteren Verlauf zu harten, schmerzhaften Verspannungen der Rückenmuskulatur. Diese Symptomatik, die oft bei undeutlich geringgradig lahmen Pferden angetroffen wird, wird dann fälschlicherweise als schmerzhafte Rückenerkrankung interpretiert. Für eine korrekte Diagnose ist es deswegen essentiell vor der manuellen Druckdurchtastung der Rückenpartie als erstes eine Hinterhandlahmheit sicher auszuschließen. Erst dann kann man bei positivem Palpationsbefund den Verdacht auf eine Rückenerkrankung äußern.
Kompliziert wird die ganze Symptomatik auch noch dadurch, dass chronisch rückenkranke Pferde eine eingeschränkte Hinterhandaktion haben können. Ein Teil der Pferde zeigt einen „schnürenden Gang" (JEFFCOTT 1998; MARTIN und KLIDE 1999), der sich weder als Stützbein-, noch als Hangbeinlahmheit oder als gemischte Lahmheit klassifizieren läßt. Das Gangbild wird von JEFFCOTT (1993) mit „zopfförmig" beschrieben.
Pferde mit primären chronischen Rückenschmerzen zeigen auch nach unserer Erfahrung nicht immer eine Veränderung im Gangbild. Wenn eine Veränderung des Gangbildes besteht, ist eher die Aktion eingeschränkt, als dass wirklich eine Stützbeinlahmheit, Hangbeinlahmheit oder gemischte Lahmheit gesehen werden kann.
Palpation
Die Palpation bildet den wesentlichen Bestandteil der Untersuchung. Nur im Zusammenhang mit den palpatorischen Befunden kann zwischen einer echten Rückenerkrankung oder einem „rückengesunden" Pferd unterschieden werden. Vor dem Hintergrund, dass „rückengesunde" Pferde durchaus röntgenologisch-pathologische Veränderungen aufweisen können, bleibt die manuelle Durchtastung der Rückenpartie nach wie vor die wichtigste Untersuchungsmethode.
Die Palpation sollte am besten nach einem festen Schema durchgeführt werden. Weil für die meisten Pferde die Durchtastung des Rückens im Vergleich zum Putzen oder Fußaufheben ein neuer ungewohnter Vorgang ist, kommt es oft zu ungewohnten Reaktionen, wenn das Pferd vorher nicht an die Palpation gewöhnt wurde. Die flexible Beweglichkeit der Pferdewirbelsäule, die wesentlich größer ist, als häufig angenommen wird, führt für den unerfahrenen Untersucher wie für den selbst palpierenden Besitzer zu erstaunlichen Reaktionen, die dann als „Rückenerkrankung" fehlinterpretiert werden. Deshalb ist es besonders wichtig, die Pferde vor der eigentlichen Palpation ausgiebig an die für sie neue Manipulation zu gewöhnen.
Eine korrekt durchgeführte Palpation ist also ein zeitaufwendiger Untersuchungsabschnitt, für den in der Regel ca. 10-15, manchmal auch bis zu 30 Minuten aufgewendet werden müssen.
Begonnen wird mit einer „Gewöhnungsphase", während der mit flachen Händen entlang des M. longissimus dorsi beidseits der Medianen vom Widerrist beginnend über die Sattellage zur Lende über die Kruppe gestrichen wird. Zu Beginn der Untersuchung auftretende Haut- (M. cutaneus trunci) und Muskelanspannungen sind bei einigen Pferden normal und sollten noch nicht als schmerzhafte Reaktion interpretiert werden und zum Abbruch der Untersuchung führen.
Hat sich das Pferd an die Manipulation gewöhnt, kann der Druck auf die eben genannten Lokalisationen langsam erhöht werden, indem mit den Fingerbeeren auf die Muskulatur gedrückt wird. Es versteht sich von selbst, dass spitze Fingernägel unbedingt vermieden werden sollten. An die manuelle Durchtastung schließt sich die Provokationsprobe. Konnte bis dahin keine Schmerzhaftigkeit registriert werden, wird der Druck auf die Muskulatur mit einem stumpfen Gegenstand erhöht (z.B. stumpfes Ende eines Kugelschreibers).
Ob die manuelle Durchtastung oder Provokationsprobe längs entlang oder segmentförmig senkrecht zum M. longissimus dorsi durchgeführt wird, bleibt dem/der Untersuchenden überlassen. Die Perkussion der Dornfortsatzenden mit einem Perkussionshammer ergab bei unseren Rückenuntersuchungen, ebenso wie die palpatorische Untersuchung auf verengte Dornfortsatzzwischenräume keine diagnostischen Vorteile.
Wichtig allein ist die richtige Interpretation der verschiedenen Reaktionen, die während der unterschiedlichen palpatorischen Untersuchungsmethoden auftreten können. Entscheidend ist hierbei nicht die mehr oder weniger starke Beweglichkeit der Wirbelsäule, sondern die Verhaltensäußerungen des Pferdes. Während der Druckausübung auf die unterschiedlichen Lokalisationen kann es zu starken Auf- (Ventroflexion) und Abwärtsbewegungen (Dorsoflexion) bzw. seitlichen Einbiegung (Lateroflexion) der Wirbelsäule kommen: Eine ganz normale Reaktion, die nicht mit einer schmerzhaften Reaktion gleichgesetzt werden darf.
Viel wichtiger ist es während der Durchtastung auf Mimik und Schmerzäußerungen des Pferdes zu achten als auf die Beweglichkeit der Wirbelsäule. Solange keine Schmerzäußerungen (Stöhnen, Steigen, Ausschlagen, Ausweichen) oder eine schmerzhafte Mimik wahrgenommen werden, hat eine gute Beweglichkeit der Wirbelsäule in alle Richtungen nichts mit einem „Rückenproblem" zu tun.
Jedes rückengesunde Pferd weicht auf Druck mehr oder weniger aus, ob er nun mit den Fingern oder verstärkt durch einen stumpfen Gegenstand ausgeübt wird, d.h. es biegt seine Wirbelsäule nach lateral (Druck auf Sattellage), dorsal (Druck auf Sattellage) oder ventral (Druck auf Kruppe) ein. Dies sind normale Reaktionen, egal wie stark sie ausfallen (ROONEY 1978). Manche Pferde reagieren auf die Manipulation ausgesprochen träge, andere reagieren sensibler und weichen stärker aus. Konzentriert man sich aber mehr auf das Ohrenspiel und die Mimik dieser Pferde als auf die Bewegungen des Rückens, kann man keine Anzeichen von Unbehagen oder schmerzhafter Mimik feststellen. Einige Tiere scheinen sogar - haben sie sich erst einmal an die Manipulation gewöhnt - die Palpation als angenehm zu empfinden.
Optimal wird die Palpation eines „Rückenpatienten" in einem Untersuchungsstand durchgeführt, bei der der Untersuchende erhöht steht. Dies bietet zweierlei Vorteile: Erstens können Muskulatur und Haut adspektorisch besser beurteilt werden. Zweitens verhindert der Stand das seitliche Ausweichen, das viele „rückengesunde" und gerade temperamentvolle Pferde vollführen, wenn auf die Rückenmuskulatur Druck ausgeübt wird. Wird die Untersuchung in der Box, auf der Stallgasse oder im freien Gelände durchgeführt, erschwert dies die Interpretation der Reaktionen und kann so zu Fehleinschätzungen und Fehldiagnosen führen. Das seitliche Ausweichen wird oft falsch interpretiert und als schmerzhaftes Verhalten gedeutet. Viele Pferde, die im Stall schon auf geringe Berührungen nervös werden, ausweichen oder dramatisch mit Ausschlagen reagieren, verhalten sich im Stand ruhig.
Es kann nicht immer eindeutig zwischen Schmerzhaftigkeit und „normaler Reaktion" unterschieden werden. Verdächtig und potentiell rückenkrank sind jene Patienten, die sich der Palpation durch Anspannung der Rückenmuskulatur derart entziehen, dass keine Bewegung oder nur eine verminderte Beweglichkeit der Wirbelsäule festgestellt werden kann. Da bei „rückenkranken" Pferden die Bewegung der Wirbelsäule schmerzt, versuchen die Pferde durch Anspannung des M. longissimus dorsi die Bewegung und damit den Schmerz zu verhindern. Der Muskel ist steinhart und die Pferde biegen ihre Wirbelsäule, auch auf eine kräftig durchgeführte Provokationspalpation, nicht ein.
Dies ist eine für den außen stehenden Betrachter unspektakuläre Situation. Die Pferde stehen stoisch und lassen die Untersuchung über sich ergehen. Hier ist es deshalb besonders wichtig, dass der am Kopf stehende Helfer darauf achtet, ob das Pferd stöhnt. Damit das manchmal leise Stöhnen wahrgenommen werden kann, sollte die Untersuchung in ruhiger Umgebung stattfinden.
Untersuchung unter Belastung
Läßt sich durch die Palpation ein schmerzhafter Bereich eindeutig eingrenzen, ist eine Untersuchung unter Belastung nicht unbedingt erforderlich. Es kann aber vorkommen, dass sich bestimmte Symptome erst nach längerer Belastung oder unter dem Reiter zeigen, v.a. deshalb, weil bei Rittigkeitsproblemen oft ein Rückenproblem vermutet wird. In diesen Fällen sollte das Pferd mindestens 15-20 Minuten longiert und/oder unter seinem Reiter vorgeritten werden.
Das Pferd selber, als untersuchender PRC, vorzureiten, wie von GUNDEL und SCHATZMANN (1997) vorgeschlagen, bleibt nur den reiterlich gut geübten Kollegen vorbehalten. Nach unserer Ansicht ist diese Art der Untersuchung nicht frei von subjektiver Einschätzung, ja vielleicht auch Überschätzung des eigenen Vermögens, und wird deshalb vollständig abgelehnt. Für den untersuchenden PRC besteht gerade hier die Gefahr durch Fehleinschätzung des subjektiven Reitgefühls und dahin gehenden Äußerungen, diese nach weiterführenden Untersuchungen revidieren zu müssen.
Auch das Vorreiten durch einen erfahrenen Berufsreiter oder Reitlehrer birgt das Risiko, dass tatsächlich bestehende Rückenprobleme „überritten" werden. Welch große Rolle der reiterliche Einfluß spielt, soll hier kurz an einem Fall aus dem eigenen Patientengut illustriert werden:
Bei dem Pferd handelte es sich zum Untersuchungszeitpunkt um einen 8-jährigen Holsteiner Wallach, der vom Besitzer als 5-jähriger zur privaten Nutzung gekauft wurde. Schon zum Kaufzeitpunkt bestand eine Empfindlichkeit im Rücken. Zunehmende Rückenverspannungen einhergehend mit Widersetzlichkeiten und Rittigkeitsproblemen unter seinem Reiter traten kurze Zeit später auf. Mehrere unterschiedliche Therapien (NSAID, Cortison-Injektionen, Laserakupunktur) wurden ohne dauerhaften Erfolg von div. Tierärzten bereits versucht. Zuletzt wurde der Wallach unter Beritt durch einen erfahrenen Berufsreiter gebracht. Unter dem Bereiter arbeitete der Wallach willig und ohne Schmerzäußerungen oder Verspannungen der Rückenpartie. Im Gegensatz dazu kam es regelmäßig zu Verweigerungen und schmerzhaften Verhaltensäußerungen, wenn der Wallach von seinem Besitzer geritten wurde.
Die klinische Untersuchung des Rückens an der LMU ergab eine starke Schmerzhaftigkeit im Bereich der Sattellage. Beim Vorreiten stöhnte das Pferd schon beim Aufsteigen und Einsitzen des Besitzers. Das Pferd ließ sich nur widerwillig anreiten, stieg des öfteren und nach einigen Minuten stand es und ließ sich nicht mehr animieren auch noch einen Schritt zu tun. Nun wurde ein Reiterwechsel mit einem erfahrenen Bereiter durchgeführt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten das Pferd anzureiten, gelang dies nach einigen Versuchen. Von Minute zu Minute wurde das Pferd im Trab lockerer, begann im Rücken zu schwingen und stieg kein einziges Mal. Der anschließend nach seinem subjektiven Urteil befragte Bereiter meinte, dass es sich hier nicht um ein „rückenkrankes", sondern um ein „stures" Pferd handle, dass unwillig sei, die an es gestellten Forderungen zu erbringen.
Röntgenologisch und szinigraphisch konnte ein Kissing Spine-Sydrome (KSS) III. Grades diagnostiziert werden.
Bisher sind keine Studien veröffentlicht, dass Rückenerkrankungen durch Vorreiten des Untersuchers sicher diagnostiziert oder ausgeschlossen werden können. Das Vorreiten durch den Besitzer dient vielmehr der Überprüfung von unklaren Symptomen, die eben oft nur unter dem Reitstil des Besitzers zu Tage treten. Die Interpretation dieser Symptome bereitet in den meisten Fällen Schwierigkeiten. Gerade dann ist es wesentlich eleganter, erfahrene Berufsreiter und Reitlehrer mit in die Diskussion einzubeziehen, als selbst vorzureiten und damit reiterlicher und fachlicher Kritik Tür und Tor zu öffnen und die Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Das Vorreiten, egal ob von einem weniger reiterlich geübten Besitzer oder von einem erfahrenen Reiter durchgeführt, kann nicht mehr als einen Hinweis auf das Vorliegen einer „Rückenproblematik" oder eines „Rittigkeitsproblems" geben. Eine definitive Diagnose kann in zweifelhaften Fällen letztendlich nur über eine komplette radiologische Untersuchung gestellt werden.
Erstellt zur Aufnahmeprüfung Beginn 19.10.2009 zum PRC von K. Hoffmann
Vielen Dank für die Tatkräfitige Unterstützung von (EQUO VADIS)
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